Laufende Projekte

Das Institut für Kulturforschung Graubünden betreibt und fördert geistes-, sozial- und kulturwissenschaftliche Forschungen mit allgemeinem Bezug zum Alpenraum unter besonderer Berücksichtigung von Graubünden und dessen Nachbarregionen. Die Forschung ist interdisziplinär angelegt und folgt universitären Standards. Die Projekte werden zum einen von den festangestellten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Instituts bearbeitet, zum anderen von temporär beauftragten Forscherinnen und Forschern. Umfang und Laufzeit der einzelnen Projekte variieren.

Folgende Projekte befinden sich zur Zeit im Stadium der Bearbeitung:

Die Bündner Parteien auf der Suche nach Identität und Macht 1880–1939
Bearbeiter: Dr. Adolf Collenberg, Laufzeit: 2020–2022.
Die Studie untersucht die Strategien und Handlungsweisen der politischen Eliten. Zunächst wird die sehr spannungsreiche Entwicklung der überkonfessionellen konservativ-föderalistischen Allianz/Partei ab ca. 1880 bis zu deren Auflösung 1903 und die Herstellung von Paritäten mit dem Freisinn ab 1891 dargestellt. Danach rückt die Entwicklung des konservativen Lagers im Wettbewerb mit den Liberalen, Sozialdemokraten (ab 1906) und den Demokraten (ab 1919) ins Zentrum. Die Proporzwahl des Nationalrates ab 1919 verschaffte der SP erstmals und der DP sogleich bedeutende Erfolge. Diese zwangen alle Parteien zu ideologischer Profilierung und programmatischer Abgrenzung. Aus diesem Ringen der Parteien gingen unter anderem die berühmt-berüchtigte ‚Schwarze Lawine’ und die Versöhnung der Liberalen und Demokraten um 1930 hervor. Diesen Prozessen geht die Studie nach.

Geschichte der Salonorchester im Engadin
Bearbeiter: Dr. Mathias Gredig. Laufzeit: 2020–2023. In Kooperation mit Prof. Dr. Matthias Schmidt und dem Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Basel.
Im Engadin treten noch heute zwei Salonorchester auf: Die Camerata Pontresina und das Salonorchester St. Moritz. Deren Geschichte ist aber beinahe unbekannt, genauso wie jene der zahlreichen Salonorchester, welche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den grösseren Engadiner Hotels spielten. Das vorliegende Forschungsprojekt wird anhand einer umfangreichen Sammlung von Archivdokumenten möglichst perspektivenreich und interdisziplinär die Geschichte der Salonorchester im Engadin zu rekonstruieren versuchen. Erforscht werden u.a. Leben und Wirken der Musikerinnen und Musiker in Hotels, die Arbeitsmigration und das Verschwinden der Salonorchester, die Rezeption der Salonorchester in Zeitungen und literarischen Texten des Engadins, musikhistorische und – philosophische Fragen zum Repertoire und zur Besetzung, die Musik der Salonorchester bei Filmaufführungen, Tänzen und Bällen oder deren Rolle während den Weltkriegen.

Im Rahmen des Projektes wird im Sommer 2022 im Hotel Reine Victoria in St. Moritz eine internationale Tagung stattfinden. Zeitgleich beginnt im Museum Alpin in Pontresina eine Ausstellung zum Thema, erarbeitet mit Studierenden der Universität Basel.

Atlas zur Geschichte Graubündens 15242024  
Projektleitung: Dr. Karin Fuchsikg. Laufzeit: 2020–2024. 
2024 jährt sich die Gründung des Freistaats der Drei Bünde zum 500-sten Mal. Diesen wichtigen Geburtstag nimmt das vorliegende Projekt zum Anlass, zentrale Aspekte der bündnerischen Geschichte im Wandel der Zeit griffig herauszuarbeiten und anschaulich zu visualisieren. So werden 50 Themen in den Bereichen Bevölkerung, Umwelt, Wirtschaft, Politik und Kultur untersucht und mittels Karten, kurzer Texte und Grafiken aufbereitet und dargelegtFür die Bearbeitung einzelner Themen werden neben dem Projektteam weitere Forschende mit spezifischer Expertise beigezogen. Der Atlas zur Geschichte Graubündens ist mehrsprachig angelegt und wird in Buchform wie auch digital umgesetzt. Das Projekt wird mit grosszügiger Unterstützung des Kantons Graubünden und in engem Austausch mit dem Staatsarchiv Graubünden erarbeitet. 

Die Rechtsquellen der Drei Bünde. Bundstags- und Beitagsprotokolle 1567–1797
Bearbeiter: Dr. Adrian Collenberg. Projektleitung: Dr. Pascale Sutter, wissenschaftliche und administrative Leiterin der Rechtsquellenstiftung. Laufzeit: 2020–2026.
In Partnerschaft mit der Rechtsquellenstiftung des Schweizerischen Juristenvereins und mit grosszügiger Unterstützung der Kulturförderung des Kantons Graubünden. Das Projekt setzt sich zum Ziel, die 168 Bände mit den vielschichtigen Protokollen der Drei Bünde von 1567 bis 1797 vollständig online als Faksimiles zugänglich zu machen. Die Bunds- und Beitagsprotokolle sind die zentralen Quellen der frühneuzeitlichen Bündner Geschichte. Sie sind nur mittels einfachen Registern erschlossen und bisher in der Forschung zu wenig beachtet worden. Das Editionsvorhaben wird in erster Linie ein wissenschaftliches Publikum im In- und Ausland ansprechen. Mittels Inhaltszusammenfassungen, Kom­mentaren und weiterführenden Registerforschungsdaten (Identifikationen von Personen, Lokalisierung von Orten, Worterklärungen etc.) werden die im Volltext aufbereiteten Rechtsgeschäfte, Verhandlungen und Beschlüsse auch einem breiteren Publikum verständlich präsentiert.

La frontiera dalle uova d’oro. Contrabbando e immigrazione clandestina tra Valtellina e Val Poschiavo (1935–1975)
Ricercatore: Dr. Andrea Paganini. Periodo: 2020–2022.
Oltre a costituire una voce considerevole dell’economia nazionale elvetica, il contrabbando rappresentò per decenni una delle più notevoli strategie di sopravvivenza e di guadagno nelle regioni collocate a cavallo della frontiera italo-svizzera, influenzando la vita della popolazione negli ambiti più diversi. Nel corso della Seconda guerra mondiale – ma anche prima, durante il ventennio della dittatura fascista – tale commercio illecito s’intrecciò con un altro fenomeno di rilievo: l’espatrio di decine di migliaia di cittadini italiani, militari e civili, in fuga dal nazifascismo. Questo progetto di ricerca – caratterizzato da un taglio interdisciplinare – intende studiare la storia di tali fenomeni, focalizzando l’attenzione soprattutto su quanto avvenne negli anni della Seconda guerra mondiale e nel Dopoguerra tra la Valtellina e la Valle di Poschiavo.

Bildungschancen durch Mehrsprachigkeit an romanischsprachigen Volksschulen
Bearbeiterinnen: lic. phil. Flurina Graf, ikg; Dr. Claudia Carroll, PHGR. Laufzeit: 2019–2023.
Das Projekt «Bildungschancen durch Mehrsprachigkeit an romanischsprachigen Volksschulen» in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Graubünden ist auf vier Jahre angelegt. Mit einem interdisziplinären Ansatz (Erziehungswissenschaften und Ethnologie) will es an zwei Schulorten mit romanischer Volksschule eine umfassende Situationsanalyse erstellen. Fokussiert werden die inner- und ausserschulischen Ursachen der oft schwachen schulischen Leistungen (v.a. Deutschkompetenz) von nicht deutschsprachigen Kindern mit Migrationshintergrund sowie die Ursachen des geringen Erfolgs bisheriger Fördermassnahmen. Erfasst werden auch erfolgreiche Schullaufbahnen von Kindern mit Migrationshintergrund in den Untersuchungsgemeinden. Im Zentrum steht die Perspektive der Betroffenen. Dadurch sollen tiefer liegende Strukturen und Zusammenhänge sichtbar werden, aber auch mögliche Diskrepanzen zwischen den Zielen der verschiedenen Akteure. Das Projekt beabsichtigt auch, das Potenzial der in den Untersuchungsorten und somit auch in den Schulen gelebten Mehrsprachigkeit für alle Kinder nutzbar zu machen. Aus den Resultaten der Situationsanalyse werden unter Partizipation von Stakeholdern vor Ort reproduzierbare Massnahmen zur nachhaltigen Verbesserung der Bildungs- und Berufschancen von Kindern mit Migrationshintergrund formuliert, umgesetzt und ausgewertet.

Unternehmensstrategien und Netzwerke der Emser Werke im Kalten Krieg 
Bearbeiterin: Dr. phil. Regula Bochsler. Laufzeit: 2019–2022.
Die Geschichte der Emser Werke ist weitgehend unerforscht, obwohl es sich um eines der bekanntesten und wichtigsten Schweizer Unternehmen handelt. Das Forschungsprojekt soll diese Lücke füllen. Im Zentrum der Untersuchung stehen die Strategien des Firmengründers Werner Oswald, um das staatlich hochsubventionierte Unternehmen, das im Krieg Ersatztreibstoff aus Holz produzierte, zu rentabilisieren und in den Weltmarkt zu integrieren. Das Forschungsprojekt untersucht auch die lokalen, nationalen und internationalen Netzwerke, auf die Werner Oswald bei dieser Neuausrichtung zurückgreifen konnte. Das Projekt ist als Studie angelegt, die einen Beitrag leisten will zur Erforschung des Kalten Kriegs und der wirtschaftlichen, politischen und militärischen Netzwerke der damaligen Eliten in der Schweiz.

Johann Wilhelm Fortunat Coaz (1822–1918). Ein Bündner Pionier auf der Schweizer Bühne des 19. Jahrhunderts
BearbeiterInnen: Dr. Karin Fuchs, Dr. Paul Grimm, Dr. Martin Stuber. Laufzeit: 20192021.
Johann Wilhelm Fortunat Coaz, 1850 zum kantonalen Forstinspektor in Graubünden ernannt, lehnte später eine Berufung als Professor für Forstwissenschaften an der ETH in Zürich ab, übernahm jedoch 1875 die Stelle des eidgenössischen Oberforstinspektors in Bern und versah diese fast 40 Jahre lang. Erst 1914 ging der 92-Jährige in den Ruhestand. Darüber hinaus war Coaz eine ausgesprochen vielseitig interessierte und aktive Persönlichkeit, die auf verschiedensten Gebieten Pionierarbeit leistete.
Neu erschlossene Tagebücher und Korrespondenzen geben Anlass zu einer vertieften Beschäftigung mit Johann Wilhelm Coaz als Akteur der wissens- und institutionengeschichtlichen Entwicklungen in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie erlauben einen nahen Blick auf die Person und auf deren Verflechtungen. In diese Zeit fallen die institutionelle und rechtliche Ausgestaltung des Bundesstaats, wie auch des Kantons Graubünden, zahlreiche Vereine und Interessenverbände werden gegründet. Johann Wilhelm Coaz verkörpert in seiner Tätigkeit wie vielleicht kein anderer Akteur seiner Zeit diese typisch schweizerischen Verschränkungen der verschiedenen politischen Ebenen. Neben der Analyse seiner Netzwerke liegt das Augenmerk auf die der Entstehung der nationalen Forst- und Umweltpolitik, in der Coaz eine entscheidende Rolle spielte.

Graubünden und der Zweite Weltkrieg – Kommunikation zwischen Kontinuität und Kontingenz
Bearbeiter: Dr. phil. Christian Ruch. Laufzeit: 2019-2021.
Der Zweite Weltkrieg war zweifellos die schwerste Belastungsprobe für den schweizerischen Bundesstaat seit 1848. Die Arbeiten der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg (UEK/„Bergier-Kommission“) konnten zwischen 1997 und 2001 zwar bereits viele Aspekte der Kriegsimplikationen beleuchten und erforschen, das Mandat der UEK vermochte aber aufgrund seiner personellen und zeitlich limitierten Ressourcen nicht auf die regionale und lokale Ebene des Alltags vorzudringen. Dies soll nun für Graubünden sozusagen „nachgeholt“ werden. Die wichtigsten Themenfelder des Projekts sind: Die Bündner Presse zwischen Information und Zensur; die Rezeption der militärischen Abwehrmassnahmen; die Wahrnehmung der Flüchtlinge zwischen Sympathie und Konflikten; die Kriegswirtschaft zwischen Kontingentierung und „Anbauschlacht“; Abwehrmassnahmen nach innen; das politische Leben zwischen Kontinuität und Ausnahmezustand.

Kredite, Kommunikation, Korruption – Grenzüberschreitende Verflechtungen im spätmittelalterlichen Graubünden 
Bearbeiterin: M.A. Flurina Camenisch. Laufzeit: 2019–2022.
In Kooperation mit Prof. Dr. Simon Teuscher, Universität Zürich. Neuere geschichtswissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass die eidgenössischen Orte und deren Führungsschicht bereits im Spätmittelalter auf vielfältige Art und Weise mit ihrem europäischen Umfeld verflochten waren. So standen diese während des 15. Jahrhunderts durch kommerzielle Beziehungen, politische und diplomatische Kontakte sowie zivile und militärische Arbeitsmigration in Verbindung mit angrenzenden politischen Entitäten wie Mailand, Frankreich oder dem Deutschen Reich. Obwohl gerade der Raum des heutigen Graubündens von verschiedenen politischen und kulturellen Sphären umgeben und geprägt ist, sind ähnliche Untersuchungen zu den grenzüberschreitenden Verflechtungen der entstehenden Drei Bünde und deren Führungsschicht für das Spätmittelalter bisher weitgehend ausgeblieben. Das vorliegende Forschungsprojekt nimmt deshalb die Jahrzehnte vor und um 1500 in den Blick. Es beleuchtet am Beispiel von Graf Georg von Werdenberg-Sargans exemplarisch die Ausgestaltung, Funktionsweise, Ziele und zeitgenössische Wahrnehmung solcher grenzüberschreitenden Verflechtungen.

Kurhaus Bergün. Ein Grand-Hotel im Wandel der Zeiten
Bearbeitung: Dr. phil. Roland Flückiger, Corina Lanfranchi; Redaktion: Giaco Schiesser, Prof. ZHdK. Laufzeit: 2019–2021.
In Kooperation mit dem Kurhaus Bergün. Die Entwicklung des heutigen «Kurhaus Bergün» (welches im Laufe seiner Geschichte auch als ‘Grand-Hotel’ oder ‘Sporthotel’ firmierte), herausragendes Beispiel des Jugendstils im Hotelbau, steht seit seiner Eröffnung im Jahre 1906 bis heute in vielerlei Hinsicht exemplarisch für die Entwicklung des Grand-Hotels in den Schweizer Alpen. Thematisiert und kontextualisiert werden über die architektur- und stilgeschichtliche Einordnung hinaus der Gründergeist der Erbauergeneration, die Lage als Zwischenstation, die ökonomischen Risiken, das mehrfache Scheitern und die mehrfache Reaktivierung sowie das veränderte Ferienverhalten der Gäste im Lauf der Zeit.

Peter Conradin von Tscharners Wanderungen durch die Rhätischen Alpen.
Kommentierte Edition mit Schwerpunkt «Bernardinstrasse»
Bearbeiter: Andreas Simmen. Laufzeit: 2019–2021
Peter Conradin von Tscharners Wanderungen durch die Rhätischen Alpen verdienen es, einem heutigen Publikum nahegebracht zu werden. Dank von Tscharners ausgiebig angewandter dialektischen Methode (Rede–Widerrede, Realität beschreiben durch Nachweis einer irrtümlichen Wahrnehmung) gelingt ihm eine erstaunliche Anschaulichkeit. Die Wanderungen erzählen Geschichte und Geschichten von Strassen (insbesondere der «Bernardinstrasse»), die vor 200 Jahren gebaut wurden und für Graubünden von eminenter Bedeutung waren, nicht nur verkehrs- und handelstechnisch, sondern auch für den damals jungen Kanton Graubünden hinsichtlich eines verstärkten bündnerischen Selbstverständnisses als Transitland.

20. Arbeitstagung zur alemannischen Dialektologie – Dialekt in Graubünden
Projektleiter: Dr. phil. Oscar Eckhardt, ikg/PHGR. Laufzeit: 2019–2022.
In Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Graubünden. Unter dem Doppeltitel „20. Arbeitstagung zur alemannischen Dialektologie – Dialekt in Graubünden“ organisieren die Pädagogische Hochschule Graubünden (PHGR) und das Institut für Kulturforschung Graubünden (ikg) eine Arbeitstagung, die grenzüberschreitende Fragestellungen zur alemannischen Dialektologie und zu pädagogisch-didaktischen sowie kontaktsprachlichen Fragestellungen rund um die Dialekte in Graubünden zusammenführt. Der internationale Kongress wurde infolge der Covid-19-Pandemie auf das Jahr 2022 verschoben.

Der Schmuggel an den Grenzen zwischen Engadin/Bergell und der Provinz Sondrio
Bearbeitende: Dr. Mirella Carbone, Joachim Jung, Laufzeit: 2018-2021.
Die Geschichte des Schmuggels zwischen dem Engadin und Bergell und der Provinz Sondrio beginnt mit Napoleons Neuordnung im Zug der Cisalpinischen Republik. Die ehemaligen Untertanengebiete der Drei Bünde wurden mit einer zentralistischen Regierung konfrontiert, die sogleich Grenzen zog und diese streng kontrollieren liess. Wege, die jahrhundertelang frei benutzt worden waren, wurden durchschnitten. In der Folge entwickelte sich der Schmuggel, der für die Bergbevölkerung auf beiden Seiten der Grenzen zu einer willkommenen Alternative zur harten Land- und Viehwirtschaft und zur Emigration wurde. Das Forschungsprojekt konzentriert sich auf die letzten vier Jahrzehnte in der Geschichte dieses Phänomens, also auf die Zeitspanne zwischen der Weltwirtschaftskrise in den frühen 1930er Jahren und dem „natürlichen Tod“ des traditionellen Schmuggels in den 1970er Jahren, verursacht durch die drastische Erstarkung des Schweizer Frankens und durch eine radikal neue Zollpolitik in Italien. Ein besonderes Augenmerk richten die Forschenden auf die Zeit des italienischen Faschismus und des Zweiten Weltkriegs, als neben Waren aller Art auch Menschen – politisch oder rassenideologisch Verfolgte, Deserteure, Dienstverweigerer – mit Hilfe der Schmuggler in die Schweiz zu gelangen versuchten. Mit diesem Ansatz ergänzt und komplettiert das Projekt jenes von Andrea Paganini zum Puschlav. Artikel in Terra Grischuna 

Zwischen Bildungsweitergabe und Instrumentalisierung von Kindern. Studienförderung im Bündner Gelehrtennetzwerk des 16. Jahrhunderts
Bearbeiter: M.A. Janett Michel: Laufzeit: 2018–2021.
In Kooperation mit Prof. Dr. Simon Teuscher, Universität Zürich. Die Auseinandersetzung mit Bildungssystemen der Frühen Neuzeit ist in der historischen Forschung nicht neu. In den Untersuchungen standen jedoch meistens die höheren Schulen, die Lehrinhalte oder die Biografien einzelner Lehrer im Mittelpunkt. Neuere Forschungsansätze aus der Sozial- und Kulturgeschichte gehen in eine andere Richtung und bieten das Werkzeug, um die Verflechtung und die Funktionsweise persönlicher Beziehungen zu untersuchen. Im 16. Jahrhundert waren Freunde und Verwandte die Voraussetzung einer gelungenen Bildungskarriere. Sie unterstützten die Kinder beim Zugang zu Schulen und Universitäten, beim Unterhalt in der Fremde und beim Einstieg ins Berufsleben. Das Ziel des Forschungsprojekts ist es entsprechend, anhand von Briefkorrespondenzen und Biografien die Studienförderung von Bündner Kindern zu thematisieren, dabei interessiert der ökonomische Charakter ebenso wie die Auswirkungen dieser Praktiken. Gleichzeitig sollen persönliche Verflechtungen dargestellt und der Bildungswanderung einzelner Kinder soweit wie möglich gefolgt werden – in die eidgenössischen Orte, ins Deutsche Reich und in die Stadtstaaten Italiens.

Vites. Voci e vini transfrontalieri
Ricercatrice: PhD Sara Roncaglia. Periodo: 2018–2021.
Da secoli il vino è una coltivazione di primaria importanza in Valtellina, non solo per l’alimentazione, ma anche per i commerci tanto che già dal Quattrocento i suoi principali acquirenti si trovavano a nord delle Alpi. Alla fine dell’Ottocento si è assistito però a una svolta: alcuni commercianti svizzeri acquistarono delle vigne in Valtellina e iniziarono a produrre vino svizzero con uve italiane. Determinante per questo sviluppo è stata la nascita del turismo in Engadina, primo acquirente non solo del vino, ma anche di altri prodotti agricoli coltivati in Valposchiavo e nella vicina Valtellina. Attraverso la ricerca etnografica, documentaria, iconografica e la raccolta di fonti orali, il progetto sta componendo un corpus di testimonianze concernenti la storia delle famiglie svizzere e delle persone valtellinesi coinvolte nella viticoltura transfrontaliera, quindi la nascita e la costruzione delle competenze legate a questa produzione, valorizzando anche gli sviluppi più recenti che hanno condotto negli ultimi decenni a un’importante svolta verso vini di alta qualità.

Wahrgenommene und gelebte Sprachen- und Dialektvielfalt in Graubünden. Der bündnerische Sprachraum aus wahrnehmungsdialektologischer Sicht
Bearbeiterin: M.A. Noemi Adam-Graf. Laufzeit: 2018–2021.
In Kooperation mit Prof. Dr. Elvira Glaser, Universität Zürich. Sprachen und Varietäten werden sowohl im sozialen, als auch im geografischen Raum identifiziert und positioniert und es ist für die Sprachwissenschaft zentral, welche evaluativen Vorstellungen Sprecher und Sprecherinnen von Sprache haben. Mit einem wahrnehmungsdialektologischen Ansatz geht die Untersuchung der Frage nach, wie die Bewohner und Bewohnerinnen des bündnerischen Sprachraums ihre sprachliche und dialektale Umgebung und deren Vielfalt in Abhängigkeit zu ihrer regionalen Herkunft wahrnehmen. Ausgangspunkt ist die grafische Visualisierung ihres Wissens über die Sprach- und Dialektvielfalt mit sogenannten kognitiven Karten (Mental Maps), dazu soll die Studie weiter darüber Aufschluss geben, welche Haltungen und Einstellungen die Bewohner und Bewohnerinnen des Kantons in Bezug auf diese Vielfalt haben. Mit neusten methodischen Zugängen qualitativer und quantitativer Art wird die Möglichkeit eröffnet, ein umfassenderes Verständnis über unsere Sprache(n) zu erhalten, indem sich unterschiedliche Darstellungsweisen gegenseitig informieren und nicht nur einzelne, isolierte Äusserungen über Sprache betrachtet werden.

Theatergeschichte der Drei Bünde
Bearbeiter: Dr. phil. Manfred Veraguth. Laufzeit: 2018–2021.
Das Forschungsprojekt beleuchtet zum ersten Mal umfassend die vielfältige und formenreiche Theatergeschichte der Republik der Drei Bünde (16. bis 18. Jahrhundert). Ausgangspunkt ist die Untersuchung theaterhistorisch relevanter Phänomene, welche auf einer umfangreichen Archivrecherche beruht. Mit der theaterwissenschaftlichen Methode der Erforschung der Theatralitäts­gefüge unterschiedlicher Zeiträume und dem Theaterbegriff der szenischen Vorgänge wird eine breite Erfassung verschiedenster Aufführungspraktiken sowie Theaterdiskurse möglich sein. Das Spektrum reicht dabei von theatralisierten Kulthandlungen über Machtinszenierungen und szenischem Brauchtum bis zu Theaterverboten und textbasierten Theateraufführungen. Diese Studie zur Theater­geschichte des dreisprachigen, paritätischen und ländlichen Gebiets der Drei Bünde wird auch Erkenntnisse zu Fragen des Kulturtransfers, der kulturellen Koexistenz und Identität liefern.

Plattform Mehrsprachigkeit GR – piattaforma plurilinguismo GR –  plattafurma plurilinguitad GR
Bearbeitung: Dr. phil. Oscar Eckhardt (ikg/PHGR), Esther Krättli (PHGR), Dr. phil. Vicenzo Todisco (PHGR). Dr. phil. Manfred Gross (PHGR), PhD Maria Chiara Moskopf (PHGR) . Laufzeit: Seit 2018
Die Pädagogische Hochschule Graubünden (PHGR) und das Institut für Kulturforschung Graubünden (ikg) möchten das Thema der Mehrsprachigkeit in Graubünden in seinen vielfältigen Dimensionen ausleuchten und mit den heute zur Verfügung stehenden digitalen Möglichkeiten mit einer Internet-Plattform zur Diskussion stellen. Das Projekt beabsichtigt, ein vertieftes Verständnis für die Mehrsprachigkeit in Graubünden zu wecken, deren Wurzeln aufzuzeigen und die Komplexität des Verhältnisses zwischen den Sprachgruppen und innerhalb der Sprachgruppen aufzuzeigen. Insbesondere sollen auch neuere Entwicklungen und Problematiken thematisiert werden.Die Homepage ist erreichbar unter der URL: www.pluriling-gr.ch.

Gion Antoni Derungs (1935–2012). Leben und Werk
Bearbeiterin: Dr. phil. Laura Decurtins Rosset. Laufzeit: 2017–2020.
Das Forschungsprojekt widmet sich der Lebens- und Werkbiographie des bündnerromanischen Komponisten Gion Antoni Derungs (aus Vella, Val Lumnezia). Als einer der wenigen Universalisten der Schweizer Musikkultur steht Derungs der Rang eines Pioniers und einer Identifikationsfigur zu. Stets schaute er sowohl zurück zum tradierten Liedgut (der Surselva), als auch zur Seite und nach vorne zu den aktuellsten Musikströmungen des 20. Jahrhunderts; er interessierte sich sowohl für das schlichte Volkslied wie für die experimentelle Musiksprache der Dodekaphonie, Aleatorik, minimal music oder der grafischen Notation. Sein Œuvre mit 191 Werken mit Opuszahl und Hunderten von Werken ohne Opuszahl spricht von diesem breiten Spektrum an musikalischer Phantasie. Dafür erhielt er zahlreiche Kompositions- und Kulturpreise. Derungs war aber ebenso ein bedeutender Vermittler der bündnerromanischen Musikkultur über die Grenzen hinaus, und er hat dabei das Bild einer (hoch)musikalischen bündnerromanischen Sprachminderheit geprägt und miterschaffen.

Gutsherren, Rebmeister und Tagelöhner – Diskurse, Krisen und Fördermassnahmen im Bündner Weinbau 1750–1950
Bearbeiter: Dr. phil. Martín Camenisch. Laufzeit 2016–2021.
Das Forschungsprojekt konzentriert sich nicht wie die bisherigen Untersuchungen zur Bündner Weinbaugeschichte vorwiegend nur auf wirtschaftliches und meteorologisches Zahlenmaterial (Ernteergebnisse usw.), sondern insbesondere auch auf sozial- und arbeitsgeschichtliche Fragen. Dabei geht die Studie in einem ersten Schritt ausgewählten traditionellen Weinbaudynastien wie beispielsweise derjenigen der von Tscharner (Rebareale in Chur und in der Bündner Herrschaft) auf den Grund und versucht aufzuzeigen, wie die traditionellen Gutsherren organisiert waren und wie sie mit (temporär) angestellten Rebmeistern und Tagelöhnern operierten. Als traditionelle Weinbauakteure werden in diesem Zusammenhang auch die klerikalen Institutionen (Bistum Chur, verschiedene Klöster mit Weinbergen) untersucht. Für die Zeit der Drei Bünde interessiert ferner die Frage nach den Besitzverhältnissen von Familien, welche sowohl auf der Nord-, als auch der Südseite des Alpenkamms (Veltlin und Valchiavenna) Weinberge besassen (z. B. verschiedene Vertreter der Familien von Salis). Es wird mitunter versucht, Organisationsmechanismen sowie allfällige Arten des Wissenstransfers aufzuzeigen. Von Interesse ist sowohl zu dieser Thematik als auch zu weiteren weinbezogenen Themenfeldern die Diskursanalyse innerhalb der landwirtschaftsfördernden Gesellschaften (18./19. Jh.). In einem weiteren Teil des Forschungsprojekts wird nach den Einflüssen verschiedener Innovationsschübe wie beispielsweise der Mechanisierung bzw. der damit einhergehenden Folgen für die Arbeiter gefragt. Zu ergründen ist ferner die Kooperation zwischen Weinbauvereinen und den allmählich institutionalisierten Zentralstellen (Weinbaukommissariat, Plantahof usw.). Zu diesem Themenfeld gehört auch der private und staatliche Umgang mit verschiedenen Anbau- oder Absatzkrisen (vgl. zur ersten Kategorie z. B. die Reblauskrise ab 1872, zur zweiten Gruppe der steigende Konkurrenzdruck durch externe Weinproduzenten). Zur Beantwortung dieser Fragen dienen neben den letztgenannten Zeugnissen schriftliches und kartographisches Quellenmaterial aus verschiedenen staatlichen und privaten Archiven.

Das Buch in Graubünden. Herkunft, Gebrauch, Funktion, Sammlung und Wirkung von Büchern, Buchsammlungen und Bibliotheken in den Drei Bünden 
Bearbeiter: PD Dr. Jan-Andrea Bernhard; Dr. Silvio Margadant. Laufzeit: 2013–2018 sowie 2021–2022.
Ein Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit der Kantonsbibliothek Graubünden. Das Projekt zielt darauf ab, die historischen Bibliotheken in den Drei Bünden von 1500–1815 erstmals systematisch zu erfassen, zu beschreiben und auszuwerten. Ein besonderes Augenmerk ist auf die geistige Ausrichtung der Buchsammlungen zu richten. Dies ermöglicht Rückschlüsse auf die geistesgeschichtliche Entwicklung in den Drei Bünden von der Reformation bis zum Ende des Ancien Régime. Gerade die Buchgeschichte offenbart – neben der Epistolographie und der Peregrinationsgeschichte – wesentliche Aspekte nicht nur des Wissenstransfers, sondern auch der geistesgeschichtlichen Entwicklung eines Gebietes. Mit der Projektarbeit verbunden sind verschiedene weitere Fragestellungen, die in diesem Zusammenhang partiell und fallbezogen auch untersucht werden sollen: Wie kamen die Bücher nach Bünden? Wie wurden die Bücher bzw. Buchsammlungen weitergegeben? Welche Funktion und welchen Einfluss hatten die Bücher bzw. die Bibliotheken auf die Bildung in den Talschaften Bündens?

Edition Bündner Komponisten
Bearbeitung: Cornelia Meier, Luzius Hassler, Dr. Robert Grossmann, Stephan Thomas. Laufzeit: seit 2009.
Seit Projektbeginn sind bislang unveröffentlichte Werke folgender Bündner Komponisten ediert worden: Peter Appenzeller, Luzi Bergamin, Armon Cantieni, Edgar Cantieni, Robert Cantieni, Tumasch Dolf, Meinrad Schütter, Oreste Zanetti. Ziel ist es, die handschriftlichen Notenblätter so aufzuarbeiten, dass sie von Schulen, Chören und Formationen aller Art genutzt werden können. Auch die Biografien der Komponisten werden aufgearbeitet. Die Edition erfolgt über das Internetportal (www.buendnerkomponisten.ch). Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Graubünden durchgeführt.

Publikationen im 2020

Humanismus, volkstümliche Wissenskultur und frühe Alpenforschung. Die Raetiae alpestris topographica descriptio (1573) des Durich Chiampel. Kommentierte kritische Edition und Übersetzung
Bearbeiter: Dr. Florian Hitz. Projektkoordination: Dr. Georg Jäger.
Das Projekt wird vom Schweizerischen Nationalfonds mitfinanziert. Die auf lateinisch verfasste Landesbeschreibung des alpinen Rätien von Durich Chiampel oder Ulricus Campellus, ein Referenztext der Bündner Landesgeschichte und der historischen Alpenforschung, soll nach wissenschaftlichen Kriterien neu herausgegeben werden. Der Text wird erstmals ungekürzt nach der Originalhandschrift ediert, mit durchgehendem Kommentar versehen und integral übersetzt.

Alemannisch in der Rumantschia
Bearbeiter: Dr. phil. Oscar Eckhardt.
Der jahrhundertelange Sprachkontakt zwischen Rätoromanisch und Alemannisch hat in Graubünden zu verschiedenen Verschiebungen der Sprachgrenzen und Sprachräume zu Gunsten des Alemannischen geführt. Im ursprünglich romanischsprachigen Gebiet treten heute mannigfaltige Konstellationen auf, die von einer mehrheitlich romanischen Sprachkompetenz über eine perfekte bilinguale bis zu einer rein alemannischsprachigen Kompetenz reichen und zudem individuell sehr verschieden sein können. In Anlehnung an neuere Publikationen kann durchaus von der «Geburt neuer Dialekte» im romanischsprachigen Teil Graubündens gesprochen werden. Das Forschungsprojekt hat zum Ziel, die mannigfaltigen alemannischen Dialekte der Rumantschia festzuhalten, zu untersuchen und in der deutschbündnerischen Sprachlandschaft zu verorten.

Die zwei Leben des Johann Stoffel (1899–1970), Bündner Ein- und Ausbrecherkönig
Bearbeiter: Dr. phil. Jürg Simonett.
Johann Stoffel kommt in Vals als uneheliches Kind zur Welt. Bereits in jungen Jahren verübt er zahlreiche Einbrüche und gerät in einen Kreislauf von Diebstählen und Gefängnis. Es gelingt ihm mehrere Male, aus dem Churer «Sennhof» zu entweichen. In den Jahren um 1930 wird er in Graubünden und der Ostschweiz immer mehr zur populären Figur, die die Polizei zum Narren hält und es bis zum Churer Fasnachtssujet schafft. Die Zeitungen berichten regelmässig und oft mit einem belustigten Unterton über seine «Streiche», bei denen er nie Gewalt anwendet. Es entstehen Schnurren und veritable Sagen, bis hin zu Vergleichen mit Robin Hood. Nach dem Prozess von 1931 macht Stoffel im Gefängnis Regensberg eine Schneiderlehre. Nach der Freilassung baut er im Kanton Schaffhausen ein Schneideratelier auf. Ob die neue Umgebung von seiner so anderen Vergangenheit weiss, ist noch nicht geklärt. Die drei zentralen Forschungsfragen des Projekts kreisen um die Figur des «Social Bandit», um Fahndung und Verwahrung sowie um Stoffels «erstes» und «zweites» Leben.

Donne d’oltre frontiera. Storie d’immigrazione femminile in Val Poschiavo e Val Bregaglia nel secondo dopoguerra
Ricercatrice: lic. phil. Francesca Nussio.
L’immigrazione è un aspetto della storia contemporanea grigione quasi inesplorato; la ricerca vuole contribuire a colmare questa lacuna. L’ottica adottata è quella della storia di genere, l’approccio metodologico quello della storia orale. Al centro dello studio vi sono le testimonianze di donne provenienti dalla vicina Italia settentrionale, immigrate per lavoro in due valli italofone del sud dei Grigioni tra il 1945 e il 1970. Motivazioni, aspettative, strategie e percorsi delle migranti; reti di contatti e catene migratorie; articolazioni tra migrazione, famiglia, ruoli femminili tradizionali ed emancipazione; significato della frontiera nazionale e del concetto di «straniero» nel contesto di una migrazione a corta distanza tra regioni contigue e culturalmente simili: sono questi i principali temi che s’intendono studiare attraverso l’analisi delle storie di vita delle protagoniste. Una ricerca negli archivi pubblici e uno spoglio della stampa locale completano l’indagine.

Handlungsspielräume und Gestaltungsmöglichkeiten der Migrationsbevölkerung in Graubünden
Bearbeiterin: lic. phil. Flurina Graf.
Mit Unterstützung der Kulturförderung des Kantons Graubünden. In der Schweiz ist die Migrationsforschung stark auf die urbanen Zentren konzentriert. In Erweiterung dazu fragt dieses Projekt nach den Verhältnissen in zwei unterschiedlichen Bündner Bergregionen: dem kleingewerblich-ländlich strukturierten Prättigau und dem touristisch geprägten Oberengadin. Dabei wird ein akteurszentrierter, ethnologischer Zugang gewählt. Im Mittelpunkt des Interesses stehen die Wahrnehmungen, Erfahrungen und Erwartungen der Migrationsbevölkerung: Welche Lebensstrategien verfolgt sie? Wie schätzt sie ihre eigenen Gestaltungsmöglichkeiten ein? In welcher Form partizipiert sie am gesellschaftlichen Leben?

Chesa sur l’En. Biografie eines Hauses
Bearbeiterin: Dr. phil. Cordula Seger.
Die Chesa sur l’En (ehemals Villa Planta), ein märchenhaft anmutender Châletbau, der 1883 vom Baumwollhändler Jacques Ambrosius von Planta in St. Moritz Bad als Feriensitz erbaut wurde, verkörpert ein Stück Tourismusgeschichte des Tals und verknüpft zahlreiche Handlungsstränge. Das Vorhaben, die Biografie eines Hauses zu schreiben, impliziert, dass die Geschichte eines Hauses weit über das Gebaute hinausweist. Über die Zeit wird es nicht allein von den verschiedenen Bewohnerinnen und Bewohnern und ihren Nutzungsansprüchen geprägt, sondern wirkt seinerseits auf die Innewohnenden zurück. Entsprechend geht es beim vorliegenden Projekt darum, die Chesa sur l’En in ihrer Vielschichtigkeit zu lesen und sie zugleich als Kristallisationspunkt des touristisch geprägten Oberengadins zur Darstellung zu bringen.

Abgeschlossene Projekte

Die folgenden Projekt sind abgeschlossen. Entsprechende Publikationen sind in Vorbereitung. Abgeschlossene Projekte, zu denen bereits Publikationen vorliegen, sind unter Publikationen des Instituts zu finden.

Rechtsquellen des Oberen Bundes. Die Gerichtsgemeinden am Hinterrhein
Bearbeiter: Dr. Adrian Collenberg.
In Partnerschaft mit der Rechtsquellenstiftung des Schweizerischen Juristenvereins und mit grosszügiger Unterstützung der Kulturförderung des Kantons Graubünden. Ziel des Editionsprojekts ist es, die Rechtsquellen der Gerichtsgemeinden am Hinterrhein in der Zeitspanne von ca. 1400 bis 1798 nach bewährtem Prinzip aufzuarbeiten. Es werden hauptsächlich unbekannte Schriftstücke in deutscher, rätoromanischer und lateinischer Sprache auf juristischer Mikroebene ausgewertet und wissenschaftlich aufbereitet. Neben den frühesten urkundlichen Belegen zum landwirtschaftlichen Alltag sollen Quellen zum Handelsverkehr ausgebreitet und mit den rechtsrelevanten Schriftzeugnissen aus der gerichtsgemeindlichen Praxis kombiniert werden. Diese wichtigen Quellen zur Geschichte des Kantons Graubünden respektive des ehemaligen Oberen Bundes werden einer kulturell interessierten Bevölkerung sowie wissenschaftlichen Fachkreisen im In- und Ausland zuverlässig und leicht zugänglich gemacht.

Wie die Bündnerinnen und Bündner reden. Ein multilinguales Projekt mit Audio-Dokumentation
Bearbeiter: Dr. phil. Oscar Eckhardt. Laufzeit der Abschlussarbeiten: 2011–2018.
Ein Kooperationsprojekt des ikg, der Lia Rumantscha, der Pro Grigioni Italiano und der Walservereinigung Graubünden, unterstützt vom Kanton Graubünden. Im Jahr 2000 startete ein Projekt, das sich zum Ziel setzte, die Sprachen des Kantons Graubünden aus einer Art Vogelschau darzustellen und das bestehende sprachwissenschaftliche Wissen auf allgemeinverständliche Weise aufzubereiten. Aufgrund gesundheitlicher Probleme einer leitenden Bearbeiterin mussten die Forschungsarbeiten abgebrochen werden und lagen mehrere Jahre brach. Nun bringt Oscar Eckhardt das Projekt im Rahmen seiner Anstellung am ikg zu Ende.

Bilderwelten Safiental 
Bearbeitung: Dagmar Steinemann und Marius Hagger. Laufzeit: 2017–2019.
Das Safiental ist eines der letzten unberührten und intakten Bergtäler der Schweiz, das auch heute noch primär durch die Landwirtschaft geprägt wird. Anhand von Interviews mit Zeitzeugen aus dem Tal sollen die persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen in den letzten siebzig Jahren herausgearbeitet werden. Dies sind einerseits Meilensteine für die einheimische Bevölkerung wie die Elektrifizierung des Tals in den 1950er- Jahren, die Erschliessung durch ganzjährig befahrbare Tunnels und Autostrassen sowie die Entwicklung hin zu einem sanften Tourismus. Daneben hatten auch grössere soziale Umwälzungen und Bewegungen wie die Studentenunruhen, der Kalte Krieg, die Erfindung der Pille oder das Frauenstimmrecht ihre Auswirkungen auch im Safiental. Diese Lebenswelten werden ergänzt durch eine umfangreiche Sammlung historischer Fotografien und Postkarten.

Code-Mixing im Tuatschin
Bearbeiterin: Dr. phil. Claudia Cathomas. Laufzeit: 2017–2019.
In Kooperation mit dem Universitären Forschungsschwerpunkt (UFSP) «Sprache und Raum»der Universität Zürich. Die rätoromanische Varietät der Val Tujetsch ist, wie die anderen rätoromanischen Varietäten auch, durch einen intensiven und langjährigen Kontakt mit den deutschen Varietäten Schweizerdeutsch und Standarddeutsch geprägt. Das Deutsche ist längst Teil der romanischen Alltagssprache, wobei verschiedene Sprachmischmechanismen unterschiedliche soziolinguistische sowie psycholinguistische Funktionen zu erfüllen scheinen. In Zusammenarbeit mit dem SNF-Projekt «The morphosyntax agreement of Tuatschin»  und durch weitere Unterstützung des UFSP «Sprache und Raum» der Universität Zürich werden in diesem Projekt verschiedene Formen und Motivationen von Code-Mixing während des Spracherwerbs und im Erwachsenenalter miteinander verglichen. Diese Analysen von generationenübergreifenden Sprachdaten sollen Einblicke in den Sprachwandelprozess des Rätoromanischen ermöglichen.

Das Lebenswerk des Bündner Architekten Rudolf Olgiati (1910–1995). Eine Sehschule der Architektur.
Bearbeiterin: Christa Vogt, dipl. Architektin ETH SIA. Laufzeit: 2015–2018.
In Zusammenarbeit mit dem Departement Architektur der ETH Zürich. Das architektonische Werk des Bündner Architekten Rudolf Olgiati (1910–1995) zeichnet sich durch eine einzigartige Mediation zwischen traditionellen regionalen Architekturen und einer – sich am Spätwerk Le Corbusiers orientierenden – Moderne aus. Es war Diskussionsgegenstand in der schweizerischen Architekturdebatte der 1970er- und 80er-Jahre. Olgiati hatte Gegenspieler, die ihn als «Regionalisten» bezeichneten, aber auch eine Anhängerschaft, die sich mit seiner Architektursprache identifizierte. Die geplante Studie beabsichtigt, den von Vorurteilen und ideologischem Ballast verstellten Blick auf Olgiatis Arbeit neu auszurichten.

 

 

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