Die "Asylantenfrage" im Kanton Graubünden (1986–1992)
Ausgangspunkt des Projekts sind die vier Brandanschläge auf Asylunterkünfte in Klosters und Chur in den Jahren 1988 und 1989, die vier Menschenleben forderten und nie aufgeklärt wurden. Diese Anschläge werden in ihrem gesellschaftlichen und politischen Kontext aufgearbeitet, wobei unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen berücksichtigt werden.
Wichtige Schauplätze sind – neben den Parlamenten und der Verwaltung in Bern und Chur – die Unterkünfte für Asylsuchende, denn hier wurden die politischen Auseinandersetzungen und die gesellschaftlichen Konflikte im Alltag sicht- und greifbar: Das Durchgangsheim in Chur, welches auf das Jahr 1983 zurückgeht und im August 1989 Ziel von zwei Brandanschlägen wurde; das 1985 eröffnete Durchgangsheim in Malix, das als einziges nicht vom kantonalen Fürsorgeamt, sondern von einer privaten Stiftung, dem Schweizerischen Arbeiterhilfswerk, geführt wurde; das ehemalige Kurhaus in Churwalden-Pradaschier, das ab Sommer 1985 als Durchgangsheim genutzt wurde und wegen einer «Türkenrevolte» (Der Bund) und dem darauf folgenden Polizeieinsatz in die nationalen Schlagzeilen geriet; das erste Bundeszentrum im Kanton in Klosters-Selfranga, auf das kurz vor der Eröffnung im November 1988 ein Brandanschlag verübt wurde und wo ein Teil der Bewohner aus Protest gegen die Leitung in den Hungerstreik trat und anschliessend untertauchte; die Unterkunft von tamilischen Asylsuchenden an der Alexanderstrasse in Chur, wo im Juli 1989 zwei Erwachsene und zwei Kinder bei einem Brandanschlag ums Leben kamen; sowie das im Oktober 1989 in Surcuolm eröffnete zweite Bundeszentrum. Es führte zu massivem Protest der Dorfbevölkerung und einem Zerwürfnis zwischen Kanton und Bund und war Schauplatz eines Polizeieinsatzes gegen hungerstreikende Asylbewerber:innen, gegen den in Chur auf der Strasse demonstriert wurde.
Das Projekt stützt sich auf schriftliche Quellen wie amtliche Protokolle, Korrespondenzen, Befragungs-, Polizei- und Gerichtsakten sowie zeitgenössische Presseberichte. Ergänzt werden diese durch Bildquellen und Interviews mit Zeitzeug:innen aus Politik, Verwaltung, Medien und Asylhilfe. Ein besonderes Augenmerk gilt den Erinnerungen der damals in Graubünden lebenden Flüchtlingen, die in der zeitgenössischen Presse kaum je zu Wort kamen.
Bild: Nebelspalter (50/1988)