Bündner Monatsblatt 1/2026
«Goethe zeichnete Bonaduz», so lautet der thesenhafte Titel des Beitrags von Rose Bilfinger. Damit wird eine neue, schlüssige Identifikation für jenes Dorf geboten, das auf einer Bleistiftskizze von Goethe aus dem Jahr 1788 mehr angedeutet als dargestellt ist – bisher wurde es (vage) als «Schweizer Gebirgsort» oder (gewagt) als «Chiavenna» bestimmt. Laut Bilfinger handelt es sich um Bonaduz, gesehen von der alten Reichenauer/Bonaduzer Rheinbrücke her. Zur Erhärtung ihrer These verweist die Autorin, über den schieren Augenschein hinaus, auf Folgendes: die Route von Goethes Rückreise aus Italien im Frühsommer 1788, das geologische Interesse des Dichters, in Bezug gesetzt zu den charakteristischen Landschaftsformen im Bereich des prähistorischen Flimser und Taminser Bergsturzes, sowie goethezeitliche Druckgrafiken mit Ansichten der Gegend von Reichenau.
Im Jahr 1797 begann der Schmied und Bauer Paul Robbi von Sils i. E. mit Aufzeichnungen über seinen Alltag. Der Text gibt ein eindrückliches Zeugnis davon, wie die Kriegs- und Krisenzeit um 1800 – mit Extremwetter und Missernten, Teuerung und Hunger, militärischer Besetzung, Requisitionen und Zwangsdiensten – von den einfachen Leuten im Engadin (und in anderen Bündner Talschaften) erfahren und durchlitten wurde. Fabian Brändles Monatsblatt-Beitrag würdigt Robbis «Hausbuch» als bedeutendes Beispiel populärer Autobiographik aus jener schweren Zeit.
«Eine Göttin, die in Ungnade fiel»: Ute W. Gottschalls Beitrag bezieht sich auf die römische Göttin Minerva, genauer gesagt: auf ein monumentales tönernes Abbild von deren Kopf. Ganz konkret geht es um ein im Depot des Rätischen Museums schlummerndes Objekt. Solche Köpfe hatten im alten Rom natürlich jeweils zu Standbildern gehört. In der Neuzeit jedoch kamen sie als archäologische Funde oftmals isoliert, vom Leib getrennt, zum Vorschein. Im Geiste einer klassizistischen Kunstauffassung faszinierten sie auch so; ja sie wurden nachgerade zu bürgerlichen Kult-Objekten. Ein derartiger Kolossalkopf liess sich doch gut auf- oder ausstellen. Auf welchen Wegen kam nun das hehre Haupt in den 1870er Jahren nach Chur ins Rätische Museum? Und warum verlor es in den 1970er Jahren nach einer naturwissenschaftlichen Altersbestimmung auf einmal jegliche Aura? Diese Fragen werden von der Inventarisatorin und Provenienzforscherin Gottschall eingehend beantwortet.
Die erste heurige Monatsblatt-Ausgabe wird abgerundet durch eine von Oscar Eckhardt verfasste kritische Würdigung des Buchs Das Jahrhundert des Automobils. Graubünden 1925–2025, welches das IKG letztes Jahr herausgegeben hat.